Häuser

Zum historischen Ortskern von Bennungen gehören Birkenhof, Rittergut und Kirche. Diese Anlagen waren Anfang der 90er Jahre so stark verfallen bzw. beschädigt, dass teilweise über Abriss nachgedacht wurde.

LEO e.V. erwarb die Gebäude, erstellte für Birkenhof und Rittergut ein Nutzungskonzept, bei dem im Zusammenwirken der Einzelbereiche eine Bildungs- und Begegnungsstätte entstehen soll und im Laufe der folgenden Jahre wurden die Bauwerke denkmalschutzgerecht wieder aufgebaut und saniert.

Die Firma Keilberg (Glauchau) gründete 1995 eigens dafür eine treuhänderische Stiftung unter Obhut der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, die zum Erhalt dieses historisch wertvollen Ensembles beiträgt.

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Das Rittergut im Wandel der Zeit: Von der Ruine zum Gästehaus. Einblicke in die Baudokumentation von 1993 – 1999

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(Bild oben) 1993: Das Rittergut in Bennungen, das älteste erhaltene Bauwerk des Ortes, war schon längere Zeit von rasant fortschreitendem Verfall bedroht.
Das ehemalige Herrenhaus, dessen Bausubstanz teilweise bis in das 16. Jahrhundert und noch weiter zurück reicht, hat durch die Jahrhunderte eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Ursprünglich wurde es vermutlich als Tafelgut der nahegelegenenen Pfalz zu Tilleda angelegt und findet historisch auch in Verbindung mit dem großen thüringischen Rittergeschlecht der Adelsfamilie von Bennungen Erwähnung.
Im 19. Jahrhundert bekommt das Rittergut als Geburtshaus des Botanikers und Pharmazeuten Heinrich Carl Haussknecht (*30.11.1838 in Bennungen; † 7. Juli 1903 in Weimar) für die Dorfgemeinde Bennungen eine besondere Bedeutung. Prof. Haussknecht forschte auf seinen vielzähligen Reisen, er legte umfangreiche Herbarien und Sammlungen an, die heute zu den 20 größten weltweit gehören. U.a. wurde die Pflanzengattung „Haussknechtia Boiss.“ in der Familie der Doldenblütler (Apiaceae) nach ihm benannt. Haussknecht war Mitglied der der Akademie der Naturforscher Leopoldina. Die umfangreiche Sammlung ging nach seinem Tod in die – von seiner Frau und seiner Tochter gegründete – Stiftung „Herbarium Haussknecht“ über. Eine Ausstellung zu seinem Leben und Werk kann in der Jenapolis besucht werden. Im Zusammenhang mit Forschungen der Universität Jena wurde auf der Straßenseite des Rittergutes Bennungen 2013 eine Gedenktafel zu Ehren Haussknechts angebracht, die an sein Leben und Werk erinnern.
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1993 schien das Schicksal des alten Rittergutes allerdings besiegelt zu sein – gar zu weit war der Verfall des Hauses schon fortgeschritten. Aber damit wäre auch ein Stück Dorfgeschichte verloren gegangen.
Mit Zustimmung der Gemeindevertretung und mit Hilfe von 20 000 € Landesförderung nahm auf Initiative engagierter Bennunger Bürger ab November 1993 die Notsicherung des verfallenen Gebäudes ihren Beginn.
Junge Bennunger (13 – 17 Jahre alt) halfen im Rahmen eines Projektes unter der Leitung von Daniel Callame und vielen engagierten Helferinnen und Helfern, „ihre Rumpelburg“ zu entrümpeln. Arbeit, Lernfeld und Abenteuer zugleich: Während die Jugendlichen viel über Fachwerkbau und Handwerk lernten, machten sie auch so manche Funde, die – sofern historisch interessant – zu einer Ausstellung zusammengetragen wurden.
Kaum zu glauben, was diese Jugendgruppe aus dem Haus räumen musste: Schutt, Lumpen, Schrott, Müll… Die Skepsis der Dorfbewohner war verständlich: „Da wird doch nichts mehr draus!“ 
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Bild oben: Nichtsdestotrotz wurde im Herbst 1993 unter fachlicher Bauleitung geräumt, abgestützt, gestaunt und geschuftet. „Das Engagement der Jugendlichen ist eine feine Sache“, äußerte sich Bürgermeister Hans-Joachim Rößler in einem Interview mit der MZ. 
Als ein heftiger Herbstturm 1993 ein großes Loch ins Dach des Rittergutes riss, griff die Deutsche Stiftung Denkmalschutz schnell und unbürokratisch ein: Bald schon stand ein Gerüst am bedrohten Westgiebel und Dach und Fachwerk wurden erneuert.
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Bild oben: Rittergut im Januar 1994 mitten im Bauprozess,
inzwischen mit geflicktem Dach und Gerüst für weitere Arbeiten.
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Bild oben: Im Frühjahr 1994 wurde das neue Eichenholzfachwerk am Westgiebel eingebaut. Damit war der Bauabschnitt „Notsicherung Rittergut“ abgeschlossen. Dankbar schrieben die Jugendlichen einen Brief an die Deutsche Stiftung Denkmalschutz. Zum Abschluss der Maßnahme wurde natürlich gefeiert: „Wir haben hier viele frohe und arbeitsreiche Stunden auf dem Gerüst und  im Haus verbracht.“
Im Sommer 1994 begann eine ABM-Gruppe unter der praktischen Leitung von Ulrich Sieblist und Heinz Noack mit weiteren Baumaßnahmen. Das bedeutete auch Arbeit für Menschen, die auf dem 1. Arbeitsmarkt derzeit keine Chance hatten.
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Bild oben 1995: Mit Fördermitteln der Dorferneuerung konnte das Dachtragewerk durch eine regionale Zimmerei in Ordnung gebracht werden. Auch das Dach wurde sorgfältig gedeckt. Die ABM-Gruppe half mit Assistenz- und Aufräumarbeiten. Nun konnte der Bau am Rittergut – winterfest gemacht – bis auf kleinere ehrenamtliche Baueinsätze ruhen.
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Bild oben: Im Sommer 1997 ging es mit einem neuen Finanzzuschuss weiter: Dankbar wurde die Nachricht aufgenommen, dass die Deutsche Stiftung Denkmalschutz versprach, das Material für den nächsten Bauabschnitt zu finanzieren! Beim Leo-Sommercamp wurde also in einem nächsten Schritt das Fachwerk mit Lehmsteinen ausgemauert. Das bedeutete u.a. „Lehmmörtel treten“ für die fleißigen Helferinnen und Helfer, Steine schleppen und kräftig mithelfen, damit es vorwärts gehen kann. Und: Wieder was Neues über Fachwerkbau gelernt!
Der Giebel wurde 1997 geschlossen. 1998 wurde das Rittergut verputzt und bis 1999 war der Außenbau abgeschlossen! Auch das Gelände konnte nun beräumt werden und wurde mit ABM-Kräften ordentlich hergerichtet, die alte Mauer wurde saniert und ein neues Hoftor eingesetzt. Wir freuen uns: So schön sieht es nun aus!
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Zu Beginn der Jahrtausendwende nahm der Innenausbau noch mal viele Gedanken zur Ideenentwicklung, Zeit und Kraft in Anspruch. Die nötigen finanziellen Mittel zur Umsetzung kamen aus verschiedenen Quellen, z.B. vom Dorfentwicklungsprogramm Sachsen-Anhalt, Lotto Toto, Eigenmittel… 

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Bild oben: Rittergut 2014, Eingang Hofseite. Heute befinden sich im Rittergut eine Einliegerwohnung, zwei Vierbett – Gästezimmer, eine Gästewohnung mit 3 Schlafzimmern und einem großen Wohnzimmer und das Kaminzimmer, welches gern für kulturelle Anlässe und als Seminarraum für Freizeiten oder Bildungsveranstaltungen genutzt wird.

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Bild oben: Blick ins Kaminzimmer mit Flügel und Bibliothek

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Bild oben: Die Gästewohnung mit 4 Zimmern bietet Platz für 9 Personen.

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Bild oben: Einblicke in zwei Zimmer der Gästewohnung

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Bild oben: Blick in eins der beiden Vierbettgästezimmer: „Nymphenzimmer“ (ein Doppelstockbett befindet sich weiter links außerhalb des Bildfokus. Ebenfalls nicht zu sehen – sondern nur durch die offene Tür zu erahnen – ist das zum Zimmer gehörende Badezimmer; Sie können das Bild durch Anklicken vergrößern)

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Nutzungskonzept

Das Architekturbüro Rüger (Halle), das viele Baumaßnahmen kostenlos begleitete, erarbeitete mit Leo e.V. 1995 eine Funktionsstudie, die sich am Bedarf der regionalen und überregionalen Vereinsarbeit orientiert und bei der ein weiteres, vom Verfall bedrohtes Anwesen im Ortskern von Bennungen in die Überlegungen einbezogen wird: Das „Höfersche Gut“, ein ehemals schöner Dreiseithof, der aber seit vielen Jahren ebenfalls zunehmend verfällt.  Im Sommer 1995 kaufte Leo e.V. das Gut und begann mit der Sanierung. Unter der Bezeichnung „Birkenhof“ ist es Teil des Nutzungskonzeptes.

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Mit der Erarbeitung des Nutzungskonzeptes durch Leo e.V. hat das Projekt „Erhaltung historisch wertvoller Bauwerke“ nun ein klares Ziel bekommen. Die Realisierung soll schrittweise und nach vorhandenen Möglichkeiten und Kräften erfolgen, wobei der Weg schon als Teil des Zieles anzusehen ist (Jugendprojekte, AB-Maßnahmen, Workshops, Camps, Arbeitseinsätze des Vereins usw.). Das Konzept ist als flexible Arbeitsgrundlage zu verstehen, die an die jeweiligen Gegebenheiten angepasst werden soll.

Abgeschlossene Teilschritte sollten zu einer in sich selbst funktionierenden Nutzung führen (und tun es erfahrungsgemäß auch), selbst wenn das Gesamtprojekt der Begegnungsstätte noch nicht verwirklicht ist. Selbst wenn die Idee des Begegnungszentrums nie ganz verwirklicht werden könnte, wird durch die Projektarbeit Bildung via „learning by doing“ vermittelt. Dass dies gewährleistet werden kann, verdanken wir unseren erfahrenen und kompetenten Projektleitern, die ihre Zeit z.T. ehrenamtlich und engagiert zur Verfügung gestellt haben – vielen herzlichen Dank dafür!

(Stand 1995)

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Weiter im Bau: Der „Birkenhof“- heute Werkstatt, Küche, Seminar- und Speiseraum

Der „Birkenhof“ verdankt seinen Namen einer hohen Birke, die das Außengelände ziert. Vor der Sanierung war der Birkenhof ein verwahrlostes Gut, das in den 1980er und 90er Jahren durch Fremdmietung mit sozialem Brennpunkt völlig heruntergewirtschaftet worden war. Im Rahmen einer AB-Maßnahme wurde der Birkenhof beräumt und bauvorbereitende bzw. baubegleitende Maßnahmen durchgeführt. 1995 und 1996 wurde das Fachwerk erneuert, das Schuppendach wieder eingesetzt und 1997 die Fenster und Türen im Wohnhaus ausgetauscht. Bis Ende 1997 hat die Außenansicht des Birkenhofes ein freundlicheres Gesicht bekommen.

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Bild oben: Das Fachwerk des angrenzenden Schuppens wurde im Rahmen eines vereinsinternen großen Jugendprojektes unter der Leitung von Ulrich Sieblist nach einer historischen Technik mit Weidenruten ausgeflochten und anschließend mit Lehm verschmiert.

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1999 kooperierte Leo e.V. erstmals mit dem CJD (Christliches Jugenddorfwerk Sangerhausen). Durch die gemeinsamen Methoden (praktische Bautätigkeit zur Ausbildung von Jugendlichen, die aus sozialen Gründen benachteiligt sind) und die gemeinsame Zielstellung („Keiner soll verloren gehen“)  bietet sich eine Zusammenarbeit auch langfristig an. Gemeinsam mit dem CJD wird unter der Überschrift „historische Handwerkstechniken in Fachwerkhäusern“ ein Lehrprojekt entwickelt und durchgeführt, das zugleich praktisches Wissen vermitteln und den Bau im Birkenhof weiterbringen soll. Weitere Lehrprojekte schlossen sich an. In diesem Zusammenhang wurde auch der Holzbackofen in die Küche eingebaut, der später in Ernährungsworkshops und -seminaren zum Einsatz kam.

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Bild oben 2014: Heute befinden sich im Birkenhof eine Einliegerwohnung sowie eine einfache Küche (zum Amüsement vieler Besucher bis heute ohne Geschirrspüler) mit Brotbackofen, Speise-, Seminar- und Gästeräumen. Die angrenzende Kreativwerkstatt wird von Gruppen für schöpferisches Gestalten zur Kreativitätsförderung genutzt.

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Bild oben: Links im Bild Seminar-, Gäste- und Speiseräume, rechts im Bild der ehemalige Schuppen – heute Kreativwerkstatt

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Seminarraum 2014 (während einer Pause im laufenden Seminarbetrieb, hier während einer Jugendfreizeit)

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Vom Wohnbereich des Birkenhofes aus (1. Etage) überblickt Frau Schmidt-Brücken als Hausmutter die Vereinsräume, pflegt mit großer Sorgfalt den Garten und führt das Gästebuch. Ohne die treue, ehrenamtliche Pflege durch Frau Schmidt-Brücken wäre der Birkenhof längst nicht so schön.

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Parallel wird die baufällige St. Johanneskirche der Kirchengemeinde Bennungen saniert

Parallel zur Bauzeit der Vereinshäuser und gemeinsam mit der Kirchengemeinde laufen intensive Bemühungen, die sehr große, ortsbildprägende, spätklassizistische St. Johannes Kirche der Bennunger Kirchengemeinde vor dem Einsturz zu retten. In drei großen Bauabschnitten (Turm, Dach mit Dachtragewerk, Schwammsanierung im Innenraum, Außenputz) gelang es 1993 – 1999, die Kirche wieder instand zu setzen.

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St. Johanneskirche Bennungen (Bild durch Anklicken vergrößerbar)

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